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Benutzte Werke
Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis
Roßmann/Weiß: Mann und Weib Fuchs: Sittengeschichte Diverse Sittengeschichten bis 1914 Zeitschriften von 1900-1913 |
Nachdem unser verehrter Freund Richard Freiherr von Krafft-Ebing nach zur Mitte des vorigen Jahrhunderts feststellte, wie wenig das Weib einen geschlechtlichen Drang verspürt, erkennen wir zahlreiche Nuancen der Betrachtungsweisen, die sich vornehmlich im neuen Jahrhundert ergeben haben.
Uns am nächsten steht wohl noch der Wiener Arzt und Privatgelehrte Dr Weiß, der dazu bemerkt, dass vom Weib eine gehörige Kraft ausgehen würde, die durchaus geeignet wäre, das männliche Verlangen anzustacheln, wodurch das Weib in eine Rolle der Verführerin käme.
«Unzweifelhaft ist das weibliche Wesen, so merkwürdig es auch für die erste Überlegung scheinen mag, meistenteils das aktive, tätige Element der Liebe, der Mann das passive … vom Weib gehen alle unsichtbaren, feinen Einflüsse aus, die das Liebesgefühl des Mannes wecken».
Wie kann es nun sein, daß zwei Forscher, beide in der Medizin wohlbewandert, so gegensätzliche Positionen vertreten?
Dem Autor dieser Zeilen will schienen, daß E. v. Krafft-Ebing wohl aus der Sicht des Arztes sprach, der sein Wissen aus den klinischen Fällen herleitet, von denen er so viele aufzählt und die Normalität dem Bereich seiner eigenen, wohlbekannten Umgebung entnimmt, wohingegen Dr. Weiß sich in der Umgebung der gewöhnlichen Patienten umgetan hat, deren Arzt er gewisslich gewesen ist.
Es muss wohl auch bedacht werden, um wie viel mehr romanische Weiber dem Geschlechtsgenusse zugänglich sind, als dies bei der Germanin der Fall ist. Man denke hier nur an die Ausschweifungen adliger und bürgerlicher französischer Frauen, deren täglicher Lebenswandel jedem deutschen Betrachter befremdlich erscheint.
Eine andere Frage ergibt sich, wenn wir zum Übel der Prostitution schreiten. Hier finden wir eine merkwürdige, wenngleich nicht völlig abwegige Meinung zum Geschlechtsverlangen des Weibes.
Demnach bestimmte eine innere, angeborene Organisation, die dazu führt, daß jemand von vornherein zur Prostitution bestimmt ist, diesen Beruf aber deswegen nicht ausübt, weil ihr Stand ein solches Thun nicht erlaubt. Eine solche Person wird sich also, obwohl in der Seele entartet, einen Ehemann aus besseren Kreisen suchen, was mit Hilfe einer großzügigen Mitgift wohl bewerkstelligt werden kann.
Wir können wohl zusammen fassen, dass sich das Weib in anderen Kulturen nicht in gleichem Masse keusch und züchtig hält wie im Deutschen Reiche und nehmen zur Kenntnis, wie stark die Reize solcher Frauen auf Männer wirken mögen, so daß es gelingt, diese völlig zu verwirren oder wie das Volk sagt “den Kopf zu verdrehen“. Dies kann jedoch nur ein Mittel zum Zwecke der Aufmerksamkeit sein, die diese Person sucht, um alsbald einen geeigneten Ehemann zu finden.
Wir glauben auch nicht, dass das normal erzogen und in gutem gesundheitlichen Zustande befindliche Weib die außereheliche Geschlechtsbetätigung ersehnt, welche oft mit Mühsal und Schmerz besetzt ist und Krankheit, Schmutz und Schande nach sich ziehen kann.