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Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis
Roßmann/Weiß: Mann und Weib Fuchs: Sittengeschichte Diverse Sittengeschichten bis 1914 Zeitschriften von 1900-1913 |
Die Hysterie ist eine sowohl im Volke wie auch in der Medizin wohlbekannte Krankheit, die zuförderst Frauen befällt. Das häufige Vorkommen der Hysterie bei kinderlosen Frauen, jungen Witwen und alten Jungfern, zumal in den höheren Gesellschaftskreisen, deutet darauf hin, daß Frauen hysterisch werden, wenn ihr Leben nicht den Anforderungen entspricht, zu welchen die Ehefrauen berechtigt sind.
Es wäre anzumerken, daß in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit ein heftiger Disput um die Hysterie entstanden ist. Vor allem der französische Gelehrte Pierre Janet hat bewiesen, daß es wohl einen Zusammenhang gäbe zwischen dem „nervösen Bestand“ eines Menschen, das heißt dem Bestand an nervlichen Energien, die ihn erhalten, und daß bei dessen Fehlen sich die Nervenkraft nach außen richten würde, was dann zur Hysterie führen würde.
Daraus ergäbe sich nun aber ein veränderter Sinnzusammenhang gegenüber allen anderen Forschungen, die Erkrankungen am weiblichen Uterus als Ursache unterstellen.
Das Symptomenbild der Hysterie ist ungewöhnlich. Fast nie fehlen Sensibilitätsstörungen, die als gesteigerte Empfindlichkeiten deutlich werden, so daß Hysterische behaupten, daß Tageslicht oder gewöhnliches Sprechen nicht ertragen zu können, da es ihre Sinne zu sehr reize. Auch ein besonderer Schmerz, der sich im Bereich des Kopfes gewöhnlich neben dem Scheitel zeigt (Clavus hystericus), ist ein Merkmal für die übersteigerte Empfindsamkeit der hysterischen Personen.
Damit einher gehen Seelenstörungen, die durch kleine Anlässe oder oft auch ohne jeden äußeren Anlass sich zu exzentrischen Äußerungen der Freude oder des Schmerzes steigern, und vor allem durch die Oberflächlichkeit aller Eindrücke, die wir leicht an den raschen Wechseln der Stimmungen, der Gelüste und Einbildungen beobachten können. Es wird berichtet, wie sich Frauen unter dem Einflusse der Hysterie sowohl Mädchen wie auch Frauen zu Messalinen werden können, die in ihrer unersättlichen Geschlechtsgier jede Würde opfern.
Was die Heilung anbelangt, so werden von den Ärzten sowohl Badekuren als auch Seekuren empfohlen, wie überhaupt ein Wechsel des Aufenthaltsortes wundersame Heilungen hervorbringen kann. In neuerer Zeit werden auch psychische Behandlungen empfohlen, über die hier aber keine allgemeinen Regeln genannt werden können.
Man kann dem Entstehen der Hysterie vorbeugen, indem man heranwachsende Mädchen nicht den ganzen Tag über stricken und nähen und ähnliche Arbeiten verrichten läßt, bei denen sie ihren Gedanken und Träumereien ungestört nachhängen können, und daß man sie vor schlechter Lektüre bewahrt, durch welche sie mit überspannten Ideen vertraut gemacht werden.
Anmerkung: Bitte beachten Sie als Leser, dass diese Betrachtung aus Werken stammt, welche zwischen 1850 und 1917 verfasst wurden. Dabei wurden die fehlerhaften Betrachtungsweisen der damaligen Zeit bewusst beibehalten. Der Herausgeber merkt an, dass die wahrscheinlicheren und glaubwürdigeren Erläuterungen damals in den Konversationslexika standen, währen die Gelehrten um des Kaisers Bart stritten, welche Ursachen die Hysterie wohl haben könne und ob sie ausschließlich bei Frauen aufträte. Der medizinische Inhalt ist aus der Sicht des 21. Jahrhunderts völlig und belanglos.