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Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis
Roßmann/Weiß: Mann und Weib Fuchs: Sittengeschichte Diverse Sittengeschichten bis 1914 Zeitschriften von 1900-1913 |
Das grosse Interesse, welches die Wissenschaft gegenwärtig an einer genauen Definition der Prostitution hat, mag den sittlichen Menschen befremden. Es erschließt sich dem Kenner allein dadurch, daß er die Strömungen, welche die Zeit durchziehen, sorgsam beobachtet. So ist es nicht purer Voyeurismus, der die Verfasser der neuen Bücher antreibt, sich mit der P. zu beschäftigen, sondern gleichwohl ein ernste Verlangen, sich dem Wesen der P. zu nähern.
In einer besonderen Weise wollen wir hier den Socialismus erwähnen, der die Ehe in den bösen Verdacht der P. bringen wollte, weshalb sich die Verfasser genötigt sahen, die Ehe ausdrücklich aus diesem Verdachte zu befreien und die außerehelichen geschlechtlichen Beziehungen zu bewerten. Wo die Frauenemanzipation bereits ihre Spuren eingegraben hat, finden wir die Frau als als Urheberin der öffentlichen Unzucht nicht mehr wieder, sondern lesen von Menschen oder Personen. Auch das Bürgertum, hinter dessen sittsamen Fassaden manche Affäre vermutet wird, soll nun vom Vorwurf der Prostitution befreit werden, indem man die einmalige Annahme von Geld oder Geldeswert für die geschlechtliche Hingabe nicht mehr als P. bewerten will.
Diese Verweise mögen dem geneigten Leser den Stand der heutigen Meinungen aufzeigen.
«Es ist dies eine nicht eheliche Hingabe, die ein Mädchen oder ein Weib von ihrem Körper macht zu Gunsten eines Mannes, damit dieser von ihr verbotene Genüsse habe».
(Dictionnaire de L' Académie?, 1835, möglicherweise von César-Pierre Richelet, 17. Jahrhundert, zitiert nach Pierre Dufour)
«Ich bin der Ansicht, daß (die Prostitution) (...) alle diejenigen Taten des umoralischen Tuns in sich schließt, wozu sich der Körper hingibt»
(Pierre Dufour, deutsch 1907, aus dem Französischen)
«In der Prostitution (...) sehen wir eine neben der Ehe einhergehende Form der sexuellen Beziehung, deren Entstehung auf eine Entartung des Menschen infolge seiner Domestikation, die man Kulturentwicklung nennt, und eine daraus hervorgegangene unangemessene Steigerung es Sexualverhaltens einerseits, auf soziale Hemmungen gegenüber dem Eingehen der legalen Ehe anderseits zurückzuführen ist».
Max Flesch und Ludwig Wertheimer (1903)
Anmerkung: Diese Deutung erregte unser Interesse, weil die Verfasser die P. als eine unvermeidliche Folge der menschlichen Entartung durch die Kultur zurückführen wollen.
«Die Prostitution ist diejenige Form des außerehelichen Geschlechtsverkehrs, bei welcher für den einen Teil, der Frau, das Motiv nicht persönliche Zuneigung, auch nicht, wenigstens nicht vorwiegend, der sinnliche Trieb, sondern nur ausschließlich und vorwiegend der Erwerb ist».
Alfred Blaschko, deutscher Mediziner (um 1900)
«Die reinste Form der Prostitution ist eben die, wo die Verbindung der Geschlechter lediglich für den Geschlechtsakt selber ins Leben tritt und mit der Bezahlung des sich darbietenden Partners durch den Benützenden ihren Abschluß findet»
(Dr. med et phil. Willy Hellpach, ca. 1900 «Kokotten- und Mätressenwesen»)
Dazu geben wir ergänzend die folgende Textstelle vom gleichen Verfasser:
"(Demnach besteht die Prostitution darin,) daß Menschen geschlechtliche Genüsse gegen Gewährung von Unterhaltsmitteln und wesentlich nach Maßgabe dieser Gewährung an andere feilbieten"
Dr. med et phil. Willy Hellpach, undatiert, um 1900.
Wir merken hiezu an, daß nach dieser Definition auch die Kokotten und Mäteressen Berücksichtigung fänden, die bei anderen Definitionen wohlweislich ausgespart bleiben.