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sexualkunde encyclopaedie von 1913: Sittenverfall ... alphabetisches Verzeichnis: Hier

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Sittenverfall in der heutigen Zeit


Obgleich wir in einer Zeit leben, in der die Sitten hochstehen, kann doch behauptet werden, daß es einige Zeichen gibt, die auf einen Verfall derselben hinweisen.


So wird berichtet, daß die Prostitution mehr und mehr zunähme. Nicht die eigentliche Prostitution wird dabei augenfällig, sondern die geheime Prostitution, die in den Städten mittlerweile zu einer wahren Plage geworden ist. Verwerflich dabei ist, daß es oft nicht Geldnot ist, die diese Mädchen treibt, sondern im Gegenteil die Sucht nach dem Gelde. Anhand von Zeugen wird deutlich, daß es sich bei den Mädchen und Frauen, die sich auf die Prostitution einlassen, nicht nur um einfache Weiber aus dem Volke handelt.


Die sichersten Berichte gibt es aus Paris, doch haben wir dergleichen auch aus Wien und Berlin gehört. Ich zitiere hier den Arzt Martineau, der schreibt:


(man findet schließlich die Frau), welche zu einer gewissen Welt gehört, ihre soziale Stellung hat, und welche von der geheimen Prostitution diejenigen Hilfsquellen verlangt, die sie in ihrem normalen Milieu nicht zu finden weiß“.


Daß die gerade in der neueren Zeit wuchernde unmoralische, bisweilen gar pornografische Literatur einen großen Beitrag zur Unmoral leistet, dürfte hinreichend bekannt sein, weil dieselbe zur frühzeitigen Erweckung und Anstachelung der geschlechtlichen Instinkte führt. Diese Art von Literatur hat teils Inhalte, die jedem gesitteten Menschen und sogar dem um die Dinge wissenden Forscher noch die Schamesröte in die Wagen treiben, weil sie Perversionen aller Art enthalten.


Kirchlicherseits wird auch darauf hingewiesen, daß der Mangel an geeigneter religiöser Erziehung und eines gewissen Rückganges der Religionen überhaupt die unteren Volksschichten veranlasse, die Mädchen in die Unmoral zu treiben.


Auch der Kapitalismus wird oft für den Fall der Sitten verantwortlich gemacht, der die ursprünglichen Werte auslöschen und andere an ihre Stelle setzen würde, wie bei Fuchs nachzulesen ist. Auf diese Weise entstünde ein Streben nach Gütern, die sich insbesondere die Damen der Gesellschaft durch „Geschäfte“ unmoralischer Art zu verschaffen trachten.


Weniger im Lichte steht das Jungfrauenproblem, welches bislang noch kaum Beachtung fand, denn es war im Deutschen Reiche nicht mehr möglich, alle bürgerlichen Jungfern zu verheiraten, weil keine entsprechende Mitgift gegeben werden konnte. Die Quellen über geschlechtliche Betätigungen solcher Mädchen im Geheimen sind aber hochgradig unzuverlässig. Die Vermutung liegt nahe, daß diese Berichte aus den Händen wollüstiger Männer kommen, die sich solche Begegnungen wünschten, weil das Weib an sich nach Ansicht der Mehrheit der Forscher kaum ein eigenes sinnliches Verlangen entwickelt. Über diese Tatsache gibt es allerdings in den letzten Jahren Kontroversen, auf die die unter anderem Dr. Weiß und Ed. Fuchs hinweisen.



 
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